Evangelisches Dekanat Runkel

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Verzaubert

07.12.2019 / Dekan Manfred Pollex

Licht im Advent, Gottes Gabe an uns: Dazu gehört für mich auch Musik, die nicht nur berühren, sondern verzaubern kann. Vielleicht kennen Sie solche Momente, eine tiefe Ergriffenheit von der Schönheit des Klangs. Es war ein Ausschnitt aus Ludwig van Beethovens 5. Klavierkonzert auf einer Autofahrt. Danach die Radiosprecherin: Dieses Stück hat Beethoven komponiert, als er schon taub war. Aus welchem Leid heraus ist diese wunderschöne Musik entstanden?

Schon mit 30 schreibt Beethoven an seinen Freund: „Der neidische Dämon hat meiner Gesundheit einen schlimmen Streich gespielt, mein Gehör ist seit drei Jahren immer schwächer geworden. Meine Ohren sausen und brausen Tag und Nacht. Ich bringe mein Leben elend zu. Seit zwei Jahren meide ich alle Gesellschaften, weil’s mir nicht möglich ist, den Leuten zu sagen, ich bin taub. Manchmal hör‘ ich den Redner, der leise spricht, aber ich verstehe die Worte nicht, und doch, sobald jemand schreit, ist es mir unausstehlich. O ihr Menschen, die ihr mich für feindselig, störrisch oder misanthropisch haltet, wie unrecht tut ihr mir, ihr kennt ja nicht die geheime Ursache von alledem. Was für eine Demütigung, wenn jemand neben mir steht und von weitem eine Flöte hört, und ich höre nichts. Solche Ereignisse brachten mich schon an die Verzweiflung. Hätte ich nicht irgendwo gelesen, der Mensch dürfe nicht freiwillig scheiden von seinem Leben, solange er noch eine gute Tat verrichten kann, längst wär ich nicht mehr.“

Als Beethoven das schrieb, war er 32 Jahre, musste mit 40 seine Laufbahn als Pianist aufgeben und hat trotzdem weitergearbeitet: erst mit einem Hörrohr, dann mit einem Stock, den er an seinen Klavierflügel gehalten hat, um die Schwingungen zu spüren. Er hat weitergemacht, selbst als er taub war.

Krieg und Unterdrückung waren um ihn herum und in ihm selbst die Verletzungen und Wunden, die er sich in seiner Herkunftsfamilie zugezogen hatte. Menschwerdung und Freiheit waren deshalb seine großen Themen. Den eigenen Weg finden, den eigenen Weg gehen mit Würde und aufrechtem Gang. „Ich will, wenn’s möglich ist, mein Schicksal tragen“, schreibt er an seinen Freund, „obwohl es Momente in meinem Leben geben wird, wo ich das unglücklichste Geschöpf sein werde. Ich will dem Schicksal in den Rachen greifen, ganz niederbeugen soll es mich nicht!“ Und deshalb hat er das Klavierkonzert in einer Tonart geschrieben, die bei ihm für „Kampf“ und „Zuversicht“ steht. Es ist seine Art, zu sagen: Gib nicht auf. Greif dem Schicksal in den Rachen.

 

 

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