Evangelisches Dekanat Runkel

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Land unter

12.10.2019 / Dekan Manfred Pollex

In meinem Arbeitszimmer hängt ein Bild von der aufgepeitschten Nordsee: Hohe Wellen und Wogen und am Himmel dunkles Wolkengebräu. Mitten aus diesem Toben ragt ein Stück Land aus dem Meer heraus. Auf der Warft steht ein rotes Backsteinhaus, mit weißen Sprossenfenstern und grünen Windläden.

Was ich an dem Bild so mag? Obwohl das Meer tobt, obwohl die Wellen und Wogen hoch gehen, wirkt das Haus auf dem Hügel seltsam geschützt und gehalten, mitten in aller Bedrohung. Am Rand der Böschung steht ein alter Mann und blickt auf das Meer. „Land unter“ heißt das Bild.

„Land unter“ sagt man, wenn bei Sturmflut das Grünland einer Hallig überflutet wird. Die Wiesen stehen dann unter Wasser, und nur noch die Warft liegt über dem Meeresspiegel. Wird sie halten? Der alte Mann vor dem Haus, der das Meer beobachtet, hat viel Erfahrung damit. Das Wasser kommt – und wird auch wieder gehen. Da ist die große Anspannung, wenn die Wellen heran branden, mit aller Ungewissheit, wie es diesmal ausgehen wird und ob alle gut durchkommen. Ruhe bewahren heißt die Devise, und keine Fehler machen bei dem, was man jetzt machen muss und die Ängste unter Kontrolle bringen. Nach dem großen Sturm, wenn sich das Meer beruhigt hat und das Wasser abgezogen ist, heißt es: Wieder einmal geschafft! Nur die vom Meerwasser versalzten Wiesen erinnern an die schwierige Zeit. Das Leben auf der Hallig, auf der Warft, kann wieder seinen gewohnten Gang nehmen. Land unter! Ein treffendes Bild für die Ereignisse dieser Woche. Eben wirkt noch alles ruhig und friedlich, aber schon kurze Zeit später dann der Sturm. Eben befanden wir uns noch mitten im gewohnten Alltag und plötzlich ist nichts mehr wie vorher. Der abscheuliche antisemitische Anschlag, das Morden in Halle, die furchtbare Tat auf der Limburger Schiede haben uns in dieser Woche erschüttert. Den Betroffenen und ihren Familien gelten unsere Gedanken und Gebete. Vielen Mitmenschen ist aber auch zu danken, weil sie großartig in der Not geholfen haben. Und die Täter? Sie werden sich vor den Gesetzen unseres Rechtsstaates zu verantworten haben.

Mit dem geplanten Massaker an jüdischen Mitmenschen in Halle, mit dem kaltblütigen Abknallen irgendwelcher Menschen ist endgültig eine rote Linie überschritten. Wer Werte unseres menschlichen Zusammenlebens wie Toleranz, Sicherheit und Frieden mit Füßen tritt, steht außerhalb unserer zivilisierten Gemeinschaft. Wer die abgrundtiefe Barbarei, das antisemitische Massenmorden der Nazidiktatur als einen „Vogelschiss“ in der Geschichte Deutschlands verharmlost, betätigt sich als geistiger Brandstifter. Die Trennlinie zwischen dem Recht auf freie Meinungsäußerung und Volksverhetzung muss nicht nur im Internet neu gezogen werden.

In allem Schrecklichen dieser Tage tat es gut, zu erfahren, dass den noch lebenden Opfern schnell beigestanden wurde. Mitten in der Barbarei waren in Limburg wie in Halle Spuren selbstloser Menschlichkeit zu sehen. Das hat gut getan.

 

 

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