Evangelisches Dekanat Runkel

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16.03.2019 / Pfarrerin Claudia Gierke-Heinrich

Ich bin kurzsichtig. Ich lebe sehr gut mit meiner Kurzsichtigkeit. Für mich ist sie sogar normal. Dabei sind längst nicht alle Menschen kurzsichtig. Aber wäre es auch für mich normal, wenn ich intersexuell wäre? Für mich wäre vermutlich auch das normal, obwohl Intersexualität eher die Ausnahme ist. Die meisten Menschen sehen sich als Mann oder als Frau und nicht irgendwo dazwischen. Trotzdem kann etwas, was nicht die Regel ist, sehr wohl normal sein. Es gibt also keinen Grund, warum sich Intersexuelle nicht in ihrer Haut wohlfühlen sollten. Es sei denn, sie müssen als Lachnummer herhalten. Genau dazu machte die Vorsitzende der CDU, Annegret Kramp-Karrenbauer, bei einer Fastnachtsveranstaltung Menschen, die nicht dem gängigen Klischee von Mann und Frau entsprechen. Zwar hatte sie keine intersexuellen Frauen im Blick - die gibt es ja auch. Aber ihre Definition des intersexuellen Mannes ließ tief blicken und war im wahrsten Sinne des Wortes ein „Griff ins Klo“.

Den Witz, den die CDU-Vorsitzende machen wollte, habe ich allerdings nicht verstanden, obwohl ich mir den Videoclip dazu auf YouTube mehrfach angesehen habe. Da ich jedoch von mir weiß, dass ich nicht jeden Witz verstehe, gehe ich mal davon aus, dass die Leute im Saal in Stockach nicht einfach das dritte Geschlecht auslachen wollten, sondern die CDU-Vorsitzende lustig fanden. Lustig wollte Frau Kramp-Karrenbauer ja auch sein. Nur hat sie sich dabei in den Augen vieler selbst lächerlich gemacht. Was ein Witz sein sollte, war in vielen Ohren einfach nur ein dummer, unsinniger Spruch. Allerdings sagen Sprüche immer sehr viel über den aus, der sie macht. Schließlich steht hinter jedem Spruch eine Haltung. Und jede Haltung bewirkt ein Verhalten. Frau Kramp-Karrenbauer muss sich nun fragen lassen, wie sie sich nach der närrischen Zeit zu intersexuellen Menschen verhält.

Gerade in der Fastenzeit bietet es sich an, über solche Fragen nachzudenken. Denn in der Fastenzeit sind alle Christen eingeladen, auf sich selbst zu schauen, um die eigene Haltung und das eigene Verhalten mehr als sonst zu überdenken. Und dabei wird manchmal aus einem Menschen, der kurzsichtig ist, jemand mit Weitsicht. Das ist dann jene Umkehr, von der in der Fastenzeit so viel geredet wird.

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