Evangelisches Dekanat Runkel

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    Segen oder Fluch?

    13.11.2021 / Dekan Manfred Pollex

    Ich mag den Monat November, staune jedes Jahr aus Neue, wie schnell die Bäume ihr Laub verlieren können, mein Blick verliert sich in der Weite abgeernteter Felder, ich verkrieche mich gern ins Warme, wenn Nässe und Kälte die Kleidung durchdringen wollen. Die Tage sind spürbar kürzer, das Licht der Sonne wird kostbar. Manche nennen die melancholische Stimmung, die aufkommt „November-Blues“. Dunkelheit, Vergänglichkeit, Tod – dazu liefert uns der November Jahr für Jahr reichlich Themen. Das Ende des Kirchenjahres, der Volkstrauertag, der Buß- und Bettag, der Totensonntag, alle sind in der Regel Tage des Novembers.

    Ein anderer Tag fand in dieser Woche eine besondere Würdigung. Es ist der 9. November, dieser Tag, der wie kein anderer die abgründige Dunkelheit und das helle Licht unserer deutschen Geschichte wach hält. Es ist nur schwer möglich, in einem Atemzug zu nennen, für was dieser Tag steht: Der 9. November 1918, als nach verlorenem Weltkrieg und Abdanken des Kaisers der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann vom Berliner Reichstag aus die Republik und Demokratie ausgerufen hatte. Der 9. November1989, als die Mauer fiel und sich Deutsche aus Ost und West in den Armen lagen. Dann der 9. November 1938, die Nacht, als die jüdischen Gotteshäuser in diesem Land in Brand gesteckt wurden. Damit erreichte der Jüdinnen- und Judenhass einen ersten öffentlichen Höhepunkt. Was am Ende stand, wissen wir, die Shoa: Millionenfache Entehrung, Enteignung, Peinigung, Qual. Sechs Millionen ermordete Jüdinnen und Juden. Eine mehrfach höhere Zahl nichtjüdischer Deutscher, die um all das wussten, sogar mittaten, wegsahen und sich so oder so schuldig machten. Diese abgründigen Schandtaten werden uns Deutsche immer begleiten wie ein Schatten. Sie gehören unauslöschlich und unüberwindbar zu unserer deutschen Identität. Wer heute versucht, sich von diesem Schatten loszureißen, steht unversehens wieder nur eine Handbreit vom Abgrund der Zivilisation und Menschlichkeit entfernt. Deshalb darf diese geschichtsvergessende und verlogene Haltung in Deutschland eigentlich nie politik- oder gesellschaftsfähig sein.

    Der Zerrissenheit dieses Tages müssen wir uns stellen. Denn sie richtet uns die Nadel unseres ethischen Kompasses aus. Licht oder Zwielicht. Wir entscheiden über den Weg. Es ist, als stünde das Wort Gottes aus dem 5. Mosebuch über diesem Tag:“…das Leben und den Tod habe ich euch vorgelegt, den Segen und den Fluch. So wähle denn das Leben.“

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