Evangelisches Dekanat Runkel

Angebote und Themen

Herzlich Willkommen! Entdecken Sie, welche Angebote des Dekanats zu Ihnen passen. Über das Kontaktformular sind wir offen für Ihre Anregungen.

    AngeboteÜbersicht
    Menümobile menu

    Gottes weiter Raum

    10.10.2020 / Dekan Manfred Pollex

    Leere Kirchen werden immer stärker zum Problem. Die Gelder werden knapper, die Betriebskosten steigen, ein Gottesdienst vor leeren Kirchenbänken ist nicht erhebend.

    Dass aber leere Kirchen auch etwas Positives vermitteln können, lernte ich einmal im Limburger Dom. Bei einer Führung erfuhr ich viel von der Geschichte dieses spätromanischen Bauwerks. Auch, dass man sich im Mittelalter bemüht hat, die Kirchen immer doppelt so groß zu bauen, wie es eigentlich nötig gewesen wäre. Bei 2000 Einwohnern musste die Kirche also Platz für 4000 Menschen haben. Selbst wenn alle Menschen der Umgebung in einen Gottesdienst gegangen wären – die Kirche wäre immer noch halb leer. Was nach heutiger Ansicht etwas Größenwahnsinniges oder doch Verschwenderisches an sich hat, kann aus der Zeit heraus verstanden werden: Mit der Größe einer Kirche wollte man den Besucherinnen und Besuchern eine Ahnung davon vermitteln, wie groß der Himmel Gottes ist. Wie viel Raum zum Stehen und Laufen, wieviel Luft über dem Kopf, wie viele Nischen und Ecken der Himmel für uns bereit hat.

    Die Lebensverhältnisse damals waren sehr beengt. Die Decke eines Hauses war mit der Hand zu greifen, die Fenster klein. Was muss das für ein Erlebnis gewesen sein, seinen Fuß über die Schwelle eines Domes zu setzen. Einen weiteren Raum gab es sonst nirgends. Die große Grundfläche, die Säulen, eine Kuppel, unter der man vielleicht zehn ihrer eigenen Häuser errichten konnte – das war Gottes weiter Raum für die Menschen. Den Satz von Jesus Christus „In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen“ haben die Baumeister alter Kirchen andeutungsweise abbilden wollen.

    Auch der Beter des 18. Psalms muss etwas von dieser Weite Gottes erfahren haben als er den Vers dichtete „Du (Gott) stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Weiter Raum muss nicht nur als Einsamkeit oder Gottesferne empfunden werden. Im Gegenteil. Gott kann gerade darin ganz nahe sein, dass er uns Weite und Raum schafft. Der Himmel, Gottes Reich, hat für mich etwas mit dieser Weite zu tun, mit den vielen Wohnungen, mit der Größe seiner Welt.

    Seit meinem Besuch im Limburger Dom weiß ich: Auch leere Kirchen haben ihren Sinn, sind nicht Sinnbilder kirchlichen Niedergangs, sondern Orte der Gotteserfahrung. Gerade in unserer protestantischen Tradition wäre zu überlegen, die Gotteshäuser dafür nicht nur sonntags weit zu öffnen und zum Eintreten einzuladen. Vielleicht erleben viele Menschen so viel mehr von der Weite, die Gott uns schenkt.

    Diese Seite:Download PDFDrucken

    to top