Evangelisches Dekanat Runkel

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    Pauline

    Foto: Peter Wagner

    „Sie starb ganz einsam!“, erzählte mir neulich eine Angehörige im Trauergespräch.

    Bei diesem Satz musste ich an meine allererste Beerdigung denken. Ganz am Anfang meiner Ausbildung. Es war eine Beisetzung ohne Angehörige, wie sie in Großstädten häufiger vorkommen. Ich sollte eine Frau beerdigen. Sie hieß Pauline.

    Ich sehe diese Situation noch genau vor mir: Mein Lehrpfarrer und ich standen am Grab und er erklärte mir den Ablauf. Ich erzählte ihm, wie furchtbar ich es fand, dass niemand zu Paulines Beerdigung kommen würde. Niemand würde sich von ihr verabschieden. Niemand würde Blumen an ihr Grab legen. „Aber Pauline ist doch gestorben – sie ist tot.“, sagte mein Lehrpfarrer. „Es spielt keine Rolle, ob Blumen auf ihrem Grab liegen. Und für Gott ist es auch nicht wichtig. Gott kennt Pauline so, wie sie ohnehin niemand auf der Erde gekannt hat.“ „Aber ich bin weder Gott noch bin ich tot und mich macht es sehr wohl traurig, dass Pauline keine Blumen bekommt.“, antwortete ich. Er sah mich nachdenklich an und dann nickte er: Ja, er könne das verstehen.

    Wir sahen uns um. Neben uns war ein recht frisches Grab. Plötzlich wussten wir beide ganz genau, was zu tun war. Wir gingen hin und „liehen“ uns Blumen für Pauline. An dem anderen Grab lagen so viele Blumen, dass sicher niemand böse war, wenn wir uns da kurz ein paar für Pauline ausliehen.

    Die Urne wurde in die Erde gelassen. Bis zu diesem Zeitpunkt hoffte ich inständig, dass doch noch jemand kommen würde. Es kam niemand. Also redete ich mit Gott über Pauline, stellte ihm Fragen und betete für sie. Als ich mit dem Vater Unser fertig war, legte mein Lehrpfarrer die geliehenen Blumen an Paulines Grab. Er tat das so liebevoll, dass ich weinen musste. Ich dachte, er wäre sauer, weil ich mich ziemlich unprofessionell verhielt, aber zu meiner Überraschung hatte auch er Tränen in den Augen. So standen wir beide vor dem Grab und weinten um Pauline. Einen Menschen, den wir nie gekannt hatten […].

    Es gibt viele Menschen wie Pauline. Menschen, die an ihrem Lebensende niemanden mehr haben, der um sie trauert. Und jetzt in der Corona-Krise gibt es in Europa und der Welt viele Menschen, die alleine sterben müssen, weil Angehörige wegen der Besuchsverbote oder der Ansteckungsgefahr nicht mehr zu ihnen kommen können. Denkt man nur mal an die herzzerreißenden Bilder aus Italien, wo Pflegekräfte den Sterbenden Handys ans Ohr halten, damit sie sich von ihren Familien verabschieden können. Denkt man nur an die vielen Toten, die in New York und anderen Städten in anonymen Massengräbern verschwinden.

    Eigentlich sollten wir um alle diese Menschen weinen. Aber dafür reichen unsere Tränen nicht. Ich möchte daher gerne glauben, dass Gott um jede und jeden von ihnen weint und sie mit Christus in die neue Schöpfung hinein auferweckt werden, wo sie nie mehr einsam sein müssen. Und ich wünsche mir, dass sich immer irgendwer findet, der Blumen für sie ablegt. Amen.

    Katharina Eisenreich, Pfarrerin in Hadamar, Tel.: 0160-97976648,
    Email: katharina.eisenreich@ekhn.de

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