Evangelisches Dekanat Runkel

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    Betet

    Rolf Oeser/Fundus

    Bemerkenswert: der erste Sonntag, den wir in Hadamar nach 9 Wochen ohne, wieder mit Gottesdienst in unserer Kirche feiern, trägt den Namen „Betet“.

    Und das passt.

    Denn ja: Beten, das ist ein Mittel, ein Handwerkszeug, ein Tool, wie es neudeutsch heißt, das in einer Krise ausgesprochen hilfreich ist.

    Und schon zur Zeit Jesu, vor 2000 Jahren, war es anscheinend nötig, den Menschen Tipps zum Beten zu geben.

    Die Lesung zum Sonntag Rogate (Matt 6,5-15): Christus spricht: „Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir´s vergelten. Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Euer Vater weiß, was ihr nötig habt, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel … … in Ewigkeit. Amen

    Wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler!

    Und was wäre ein ungeheucheltes Gebet?
    Ein echtes Gebet, kein seelenloses Geplapper?
    Eine Fortbildung für Pfarrerinnen und Pfarrern begann jeden Morgen mit einer Andacht.
    Ein Pfarrer jedoch sprach das Vaterunser bei den Andachten nicht mit.

    Warum?

    Dieses Gebet, das Gebet der Gebete, spreche er nur, wenn er es aus ganzem Herzen beten könne.

    Protestantischer geht´s nicht!

    Es muss stimmen. Vor allem innen. Hundertprozentig! Und was ist mit einem Vaterunser, das bloß mit halbem Herzen gebetet wird, aus geringer Überzeugung, sagen wir 43% ? Das reicht, glaube ich.

    Denn der ach so protestantische Kollege, der das Vaterunser nicht einfach so mitbeten konnte, drohte an seiner eigenen Redlichkeit zu verhungern. Es stimmt, dass protestantische Innerlichkeit die Rettung aus seelenlosem Geplapper ist!

    Aber genügt sie? Ich meine: Nein. Ich kann ein Vaterunser auch dann beten, wenn mir „nicht danach ist.“ Nur mit halbem Herzen und nicht wirklich überzeugt. Ein Gebet „funktioniert“ nicht wegen der spirituellen Meisterschaft der Betenden. Und auch nicht, weil ich davon überzeugt bin oder weil mein Herz so stark ist.

    Es kann durchaus sein, dass ich nicht weiß, wie ich beten soll und was, dass das Herz den Worten der Lippen nicht nachkommt. Dann ziehen die Lippen das dürre Herz hinter sich her, bis es wieder kräftig ist und auf eigenen Beinen stehen kann.

    Ich glaube, wir sollten es mit der protestantischen Frage nach der Echtheit nicht übertreiben. Keine Sorge, ich plädiere nicht fürs seelenlose Geplapper! Eher treibt mich das Mitleid, das Mitleid mit dem „halben Herzen“.

    Also: ich will beim Beten nicht heucheln, aber auch mit keinem Echtheitszwang verhindern, dass selbst ein halbherziges Gebet mich plötzlich trägt. „Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir´s vergelten.“ Das berühmte stille Kämmerlein … In den Ein-Zimmer-Häusern zurzeit Jesu war das „stille Kämmerlein“ wahrscheinlich eine Art Speisekammer. Klein, fensterlos, dunkel, in der Regel eher kühl. Dort also, schlägt Jesus vor, dort soll gebetet werden, hinter verschlossener Tür. Gott, selbst im Verborgenen zu Hause, sehe dorthin.

    Was passiert im stillen Kämmerlein? Zunächst einmal begegne ich dort mir selbst. In diesem Raum hinter der verschlossenen Tür ist niemand außer mir. Niemand sieht mich dort und ich brauche mich nicht darzustellen. Ich begegne ... mir! Für die meisten ist das ungewohnt. Der Alltag sieht oft so aus, als würden wir genau davor fliehen. Wessen Terminkalender randvoll ist, findet nicht mehr zu sich selbst. Deshalb wohl macht das stille Kämmerlein zunächst einmal ... Angst, ja: Angst. Wovor? Na - vor all dem, was da in der selbstgewählten Begegnung mit niemand anderem als mir alles zutage treten könnte: an Angst, an Sehnsucht, an Verlorenheit, an Wut und Hass und Selbstbetrug.

    Geh da hin, sagt Jesus, geh in dein stilles Kämmerlein! Dort erfährst du etwas über dich. Und mehr als das: du wirst gesehen dort. Gott schaut - so heißt´s im Griechischen - „en to krypto“, ins Verborgene. Wie kryptisch unser Gebet im Verborgenen auch sein mag, selbst wenn ich bloß sagen kann „O Gott“ oder „Mein Gott“, es wird wahrgenommen von Gott. Das sollte uns ermuntern. Und gleichzeitig hoffen lassen, dass es künftig keine Nachrichten mehr gäbe, die uns ein solches „O Gott“ ausstoßen lassen.
    AMEN

    Thomas Uecker, Evang. Kirchengemeinde Hadamar 06433-2357 thomas.uecker@ekhn.de

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