Evangelisches Dekanat Runkel

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Gründonnerstag

Foto: Peter WagnerAus weißem Licht entstanden.

Liebe Leserinnen und Leser meiner „Tagesandacht“
Liebe Gemeindeglieder, liebe Kolleginnen und Kollegen,

schon mit dem heutigen Gründonnerstag des Jahres 2020 wird dem Osterfestkreis ein Ritus genommen, auf den sich die Christinnen und Christen von Alters her gefreut haben, durchbricht er doch mit einem fröhlichen liturgischen Weiß für Stunden wenigstens den Höhepunkt der traurigen Wahrheit von Verrat, Gefangennahme und Kreuzestod Jesu: die Feier des Abendmahls in Erinnerung an Jesu letzten Mahl mit den Jüngern am Vorabend seiner Kreuzigung.

Um 384 nach Christus berichtet die Pilgerin Egeria: Ab der 8.Stunde wurde ein Gedächtnis des Abendmahls gefeiert. Nachts ging man dann nach Gethsemane und gedachte der dortigen Ereignisse bis zur Gefangennahme Jesu (Mk 14,32-50). Innerhalb von 24 Stunden vom Feiern zum Klagen bzw. zum Greinen. „Greinen“ – dieses alte Wort bedeutet so viel wie weinen oder klagen – und hat vermutlich auch dem „Grün-Donnerstag“ bzw. „Grein-donnerstag“ seinen Namen gegeben.

Wie gerne hätte ich mitgefeiert. Ich hatte mich bereits vor Wochen in Merenberg angemeldet; hier wird die Erinnerung an Jesu letztes Mahl mit einem köstlichen und geselligen „Buchtel-Essen“ verbunden. Dieser Ritus, die Menschen, die Begegnungen werden mir an diesem Gründonnerstagabend fehlen – mehr als an jedem anderen in den Jahren zuvor.

Etwas nicht haben/bekommen können, tut weh; darum „greinen“ kleine Kinder und oft auch große. „Greinen“ signalisiert Ohnmacht bis hin zur Wut, ist Ausdruck eines zuweilen in enge Schranken verwiesenen Lebensgefühls und einer damit abhanden gekommenen Freiheit. „Greinen“ ist das, was in diesen schwierigen Tagen über den Bildschirm zu uns kommt, was aber auch tief in uns steckt und zu Recht einen Weg nach draußen sucht – angesichts fehlender Kontakte und einer gewissen Vereinsamung trotz Facebook, Youtube, Skype oder wie die modernen Kommunikationsmedien noch alle heißen mögen.

Vieles ist anders in diesen Tagen, vieles fehlt uns: die Umarmung, der Besuch bei oder von den Kindern und Enkeln, die Begegnung mit Freunden und Bekannten, und auch die Abendmahlsfeier als schmeckbarer, fühlbarer, erlebbarer Ausdruck der Gemeinschaft mit Christus und meinem Nächsten im Glauben.

Oft erkennen und spüren wir erst den wirklichen Wert von Dingen, Riten und Menschen, wenn sie uns fehlen, wenn aus der Selbstverständlichkeit der Ausnahmezustand geworden ist, wie in dieser Corona-Zeit, wo wir Abstand halten müssen und zuweilen auch plötzlich voneinander getrennt werden, ohne eine Chance gehabt zu haben, Abschied zu nehmen. So ist das auch mit dem Abendmahl; gehörte der Gang zum Abendmahl früher zu den seltenen aber traditionellen Gängen – z.B. an Ostern oder Weihnachten, bei der eigenen Konfirmation oder einer Jubiläumskonfirmation – so fehlt er in diesem Frühjahr gänzlich. Was aber bleibt von Gründonnerstag, von Karfreitag und Ostern übrig, wenn wir weder zu den traditionellen Gottesdiensten gehen noch an der Feier des Heiligen Abendmahls teilnehmen können. Was bleibt, wenn uns die leibhaftige Begegnung (in, an mit oder unter Brot und Wein) mit Christus und unseren Geschwistern im Glauben fehlt und auch die Gemeinschaft als entscheidendes Lebens- und Glaubensgefühl genommen werden.

Martin Luther sagt 1529 in seinem Kleinen Katechismus zum Abendmahl: Essen und Trinken tut's freilich nicht, sondern die Worte, die da stehen: Für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden. Diese Worte sind neben dem leiblichen Essen und Trinken das Hauptstück im Sakrament. Und wer diesen Worten glaubt, der hat, was sie sagen und wie sie lauten, nämlich: Vergebung der Sünden.

In Corona-Zeiten kann es uns gut tun, diesen „Worten“ mehr zuzutrauen als dem Ritus selbst, weil das Wort bleibt, auch wenn der Ritus fehlt bzw. nicht vollzogen wird. In der jüngeren biblischen Theologie wurde "Kerygma" zum Schlüsselbegriff des Verstehens der Botschaft des Neuen Testamentes überhaupt. Nach ihr sind die Schriften des Neuen Testaments nicht, wie man immer annahm, nur Berichte über ein historisches Geschehen, sondern selbst Wort Gottes (Kerygma), reinste Verkündigung, ja, mehr noch das Christusgeschehen (von Kreuz und Auferstehung) selbst, das durch den Prediger des Wortes auf den Hörer herniederkommt und ihn „erlöst“, „befreit“ und ihm all das gibt, was die Handlung ihm sicher auch geben könnte. Aber das Wort – und das unterscheidet es wesenhaft vom Ritus – kann und ist alles: Ohne Wort ist die Handlung nichts, aber ohne Handlung ist und bleibt das Wort alles.

Es ist das Verdienst Martin Luthers, den Gottesdienst wieder mehr an diesem „Kerygma“, diesem über allem stehenden Wort Gottes ausgerichtet und dieses Wort wieder mehr in den Mittelpunkt unseres glaubenden Denkens und Handelns gestellt zu haben. In dieser Ausrichtung auf das Wort Gottes bekommt auch die Liebe Gottes eine völlig neuen und weiten Raum; und diesen braucht sie auch, heute mehr denn je, um sich entfalten zu können, an den Menschen, die in diesen Tagen unsere Unterstützung in ganz besonderes Weise benötigen – weil sie auf so viele und vieles, was vorher selbstverständlich war, verzichten müssen, weil sie aktuell das Wort nur Hören und nicht in der gewohnten Gemeinschaft der Glaubenden feiern können.

So verbindet uns in diesen Tagen Gottes Wort über alles Trennende hinweg, von Haus zu Haus, von Gebet zu Gebet. Es verbindet uns bleibend. Es verbindet alle, die nach Vergebung, nach Trost und Hoffnung suchen. Es verbindet, weil er hier ist, mitten unter uns. So bekennt es der Liederdichter Philipp Spitta 1833 in einem seiner Lieder (EG 374): „Ich steh in meines Herren Hand und will drin stehen bleiben; nicht Erdennot, nicht Erdentand soll mich daraus vertreiben. Und wenn zerfällt die ganze Welt, wer sich an ihn und wen er hält, wird wohlbehalten bleiben. Er ist ein Fels, ein sichrer Hort, und Wunder sollen schauen, die sich auf sein wahrhaftig Wort verlassen und ihm trauen. Er hat’s gesagt, und darauf wagt mein Herz es froh und unverzagt und lässt sich gar nicht grauen.“

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen schönen Gründonnerstag und gesegnete Feiertage.

Ihr Ulrich Reichard, Dekan

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