Evangelisches Dekanat Runkel

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Von der Problematik des menschlichen Gottes

Foto: Peter Wagner

Zugegeben, die Bibel spricht an vielen Stellen sehr menschlich von Gott. Er hat Augen und Ohren, ist väterlich, mütterlich, wird zornig. Und schließlich ist er in Jesus Mensch geworden. Viele Christen wenden sich, insbesondere in Krisenzeiten, auch persönlich an diesen menschlichen Gott. Sie hoffen auf „hörende Ohren“ und „helfende Hände“.

Zugleich ist diese Auffassung von Gott auch problematisch. Wir erleben im Moment die rasante Ausbreitung eines krankmachenden und oft auch tödlichen Virus. Und Gott greift nicht ein. Manche denken: jeder Vater und jede Mutter würden, wenn es Ihnen möglich wäre, ihre Kinder vor solch einer Bedrohung schützen. Warum tut Gott das nicht? Die Frage verschärft sich, wenn man sich Gott, wie viele Gläubige es tun, zugleich als allmächtig und gütig vorstellt. Aber es gibt auch Antworten. Zwei davon will ich vorstellen.

Eine Antwort aus dem Verstand: Gott lässt der Welt ihren Lauf
Nach dieser Ansicht (Deismus) hat Gott zwar die Welt und alles, was zu ihr gehört, erschaffen. Er ist der Schöpfer. Danach aber hat er sich aus dem Weltgeschehen zurückgezogen. Manche denken, weil er den Menschen mit Freiheit ausgestattet hat und ihn und seine Welt nicht wie eine Marionette führen will. Wenn also Leid und Übel geschehen, dann greift Gott nicht ein, weil er sich selbst zurückgezogen hat. Menschen, die so denken, machen Gott für Leid und Übel keinen Vorwurf. Sie sind nicht der Versuchung ausgeliefert, Gott in Krisenzeiten anzuklagen und möglicherweise an ihm zu (ver-)zweifeln! Sie haben freilich auch kein Gegenüber, an das sie sich betend und Hilfe suchend wenden können.

Eine Antwort aus dem Glauben lautet: Leben mit dem Paradox.
Auch glaubende Menschen benutzen natürlich ihren Verstand und kennen die oben beschriebene Problematik. Trotzdem halten sie am Glauben fest. Sie können das, weil zum Menschsein mehr dazu gehört als die rationale Verarbeitung der Welt. Anders gesagt: der Glaube hält noch eine andere Perspektive auf die Welt und auf das, was in ihr geschieht, offen. Leid wird nicht geleugnet oder verniedlicht. Und ja, Gott kann durchaus als rätselhaft wahrgenommen werden! Trotzdem und in alledem wird der Glaube als ein Empfinden von Vertrautheit mit Gott und von Geborgenheit erlebt, das auch in Krisenzeiten nicht zerbricht, mitunter ist das Gegenteil der Fall. Man kann sagen, Glaube als bleibende Vertrautheit mit Gott ereignet sich im Menschen. Und wird dabei als große Bereicherung empfunden.

Ich finde, die deistische Perspektive (Gott lässt der Welt ihren Lauf) hat durchaus ihre Stärke. Sie bewahrt uns vor falschen Illusionen! Sie lässt uns an Gott nicht verzweifeln. Trotzdem hat sie eine gewisse Engführung, weil sie andere Dimensionen der Wirklichkeit vernachlässigt. Ich meine, es gibt Raum für einen „erwachsenen“ Glauben. Der hütet sich vor der Problematik des allzu menschlichen Gottes. Zugleich öffnet er sich für die Erfahrung von bleibender Vertrautheit mit einem Gott, der die Welt gut erschaffen hat.

Der Grat ist schmal, aber man kann auf ihm gehen.

Joachim Fritz, Pfarrer im Schuldienst an der Peter-Paul-Cahensly Schule Limburg

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